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In der
Beschäftigung mit den Geschehnissen um die Deportation der
jüdischen Bevölkerung Eichstettens stießen wir auf den
Namen Le Chambon-sur-Lignon.
In diesem Hugenottendorf hoch oben am östlichen Rand des
französischen Zentralmassivs (ca. 100 km südwestlich von
Lyon) konnte eines der beiden jüdischen Geschwisterkinder, die
1940 zusammen mit ihrer Mutter Flora Hene
aus Eichstetten deportiert
wurden, unter den Augen der Vichy-Regierung dem Holocaust entrinnen.
Zusammen mit dem Ehepaar Otto und Ruth Meier, die mit einem jüngeren Kind der Familie Hene für kurze Zeit zusammen die Schule besucht hatten, haben mein Mann und ich im April 2009 diesen Ort besucht. Die abgeschiedene Lage hatte Le Chambon und seine Nachbargemeinden schon vor Jahrhunderten zum Zufluchtsort der in Frankreich blutig verfolgten Hugenotten werden lassen. Das stark protestantische Gepräge hat sich bis heute erhalten. Ganz im Gegensatz zum restlichen Frankreich ist die katholische Bevölkerung (max. 20%) immer noch sehr in der Minderheit. Die gute Luft auf dem reich bewaldeten Hochplateau in einer Meereshöhe von 1000 Metern hatte Le Chambon schon vor den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem Erholungsort gemacht, der besonders Kindern aus armen Bergarbeiterfamilien vorbehalten war. Heute noch lebt die Bevölkerung weitgehend von den Erholung Suchenden, die in den kurzen Sommermonaten das angenehme Klima des Hochplateaus der brütenden Hitze südlicherer Regionen vorziehen. Das Rettungswerk Es waren ca. 5000 Verfolgte, vor allem Juden, die während des zweiten Weltkriegs in den Hotels, Pensionen und auf den entlegenen Bauernhöfen Le Chambons und seiner Nachbargemeinden vorübergehend oder langfristig Zuflucht fanden. Man versah sie mit falschen Ausweisen und schleuste manche weiter in die neutrale Schweiz. Es handelte sich vorwiegend um Kinder, die mit Zustimmung ihrer Eltern und mit Hilfe der Quäker, des Schweizerischen Roten Kreuzes und anderer Hilfswerke aus den südfranzösischen Internierungslagern (u.a. Gurs) herausgeholt werden konnten. Unter ihnen war die bei der Deportation vierzehnjährige Wiltrude Hene aus Eichstetten. Das Leben der Kinder an ihrem Zufluchtsort verlief für jene Zeit zum großen Teil relativ normal. Sie besuchten die Schule (Der Schulleiter der staatlichen Schule, Roger Darcissac, der sich auch um Material und Druck gefälschter Papiere kümmerte, "vergaß" ihre Namen zu registrieren). Sie feierten Geburtstage und nahmen an den Gottesdiensten teil. Razzien der französischen Polizei und später der Gestapo fanden statt, blieben aber fast immer erfolglos, weil – von einer Ausnahme abgesehen – rechtzeitig geheime Warnungen eingegangen waren. In solchen Fällen verbrachten die Kinder und Jugendlichen Tage und Nächte in den Wäldern der Umgebung. Die von dem Gemeindepfarrer André Trocmé gegründete und von seinem Kollegen Edouard Theis geleitete private internationale Cévenol-Schule, deren Unterrichtsräume im ganzen Ort verstreut lagen (Italienisch wurde zum Beispiel im Badezimmer einer Pension erteilt), bot vielen Flüchtlingen eine Funktion als Lehrer oder Schüler. Die Sorge der Retter galt nicht in erster Linie den persönlichen Risiken, die sie auf sich nahmen, sondern eher der Frage der Versorgung angesichts der ohnehin schon bestehenden Nahrungsmittelknappheit. Die Vorbereitung Schon deutlich vor Kriegsbeginn hatte der damalige Bürgermeister und frühere Pfarrer, Charles Guillon, die politische Situation klar erkannt und seine Gemeinde vorbereitet: Er hatte sie aufgerufen, Vorkehrungen zu treffen, um einem zukünftigen großen Flüchtlingsstrom Aufnahme gewähren zu können. 1939 war in Zürich unter einem Pseudonym ein Büchlein (Dt. Ausgabe 1946: Otto Bruder, Das Dorf auf dem Berge) erschienen, welches in verdeckter Weise vom Kirchenkampf in einer kleinen hessischen Gemeinde erzählt. Charles Guillon, der auf seinen Auslandsreisen darauf stieß, besorgte sich eine Vielzahl von Exemplaren und verteilte sie an seine Gemeindeglieder. Selbst die Menschen auf den entlegenen Bauernhöfen befassten sich mit der Lektüre, um für die ungewisse Zukunft gewappnet zu sein. ![]() Protestantische Kirche von Chambon-sur-Lignon (Ansichtskarte) Berührungen mit Staatsmacht und Besatzern Auf das vergebliche Verlangen der Vichy-Regierung nach einer Auflistung der Namen der Flüchtlinge antwortete Trocmé mit dem von unseren Gesprächspartnern vor Ort häufig zitierten Satz "Ich kenne keine Juden. Ich kenne nur Menschen." Im Februar 1943 veröffentlichte die Lokalzeitung Pages du Chambon auf ihrer ersten Seite einen Artikel unter der fett gedruckten Überschrift Chambon: Land des Asyls, in dem offen über die Aufnahme der Verfolgten geschrieben wurde. Die einmonatige Inhaftierung der Pfarrer Trocmé und Theis und des Lehrers Darcissac, denen jedoch keinerlei Zugeständnisse an die Petain-Regierung abgerungen werden konnten, war vermutlich die Antwort darauf. Im Juni 1943 schlugen die deutschen Besatzer selbst zu: achtzehn junge Menschen wurden zusammen mit ihrem Lehrer und Betreuer verhaftet und in die Todeslager des Ostens deportiert. Dennoch wurde das Werk unerschrocken weitergeführt. Kurz vor Kriegsende bezogen verwundete Wehrmachtsoldaten ein Hotel, welches unmittelbar an eine Pension grenzte, in der jüdische Flüchtlingskinder beherbergt wurden. Äußerungen der Soldaten ließen erkennen, dass ihnen die Identität der Kinder verdächtig war, aber es erfolgten keine Maßnahmen. Danach Nach Kriegsende blieb keines der Geretteten in Le Chambon zurück. Von Hilfsorganisationen unterstützt, begaben sie sich zuerst auf die verzweifelte Suche nach möglicherweise noch lebenden Verwandten. Danach verstreuten sie sich über aller Herren Länder. Lediglich besuchsweise zog es manche in den Folgejahren noch einmal an den Ort ihres Überlebens. Eine Gedenktafel – unauffällig angebracht an einer alten Mauer – drückt unter der Überschrift von Psalm 112, 6 („Des Gerechten wird nimmermehr vergessen“) den Dank der jüdischen Flüchtlinge aus, die hier Schutz finden konnten. ![]() Gedenktafel in Chambon-sur-Lignon (Ansichtskarte) Begegnungen In unseren Gesprächen mit dem evangelischen Pfarrer, der Geschäftsführerin der christlichen Buchhandlung, der Fremdenführerin und einer ortsansässigen deutschen Gastwirtin wurde uns die Mentalität dieser "Gerechten" beschrieben als introvertiert, wortkarg, als Menschen der Tat, denen es selbstverständlich gewesen war zu helfen, und die auch später – weder unter sich noch vor anderen – kaum Worte über ihren Einsatz zugunsten der Flüchtlinge verloren. "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." (Apostelgeschichte 5,29) war ihnen die Begründung ihres Tuns, von den Vätern in der eigenen leidvollen Verfolgungsgeschichte bereits durchlebt und erprobt. In eindrucksvoller Weise schien uns die Schlichtheit des kleinen Bahnhofraums, der anstelle eines Museums mit Bildern und Dokumenten jener Ereignisse gedenkt, diese Bescheidenheit wider zu spiegeln. Unser Rundgang im Ort fand seine Krönung im ungeplanten Zusammentreffen mit einer sehr betagten Dame, die in jener Zeit aktiv am Schutz der Flüchtlinge beteiligt war. Nach der Vorstellung durch unsere Führerin stellte sich heraus, dass diese Furchtlose noch heute in Kontakt steht mit ehemaligen Schützlingen – unter ihnen Wiltrude Hene aus Eichstetten. Sie machte uns auf ein Foto im Bahnhofraum aufmerksam, auf welchem Wiltrude als junges Mädchen zusammen mit anderen Kindern in Le Chambon abgebildet ist. Mit dem Dank an diese "Gerechten unter den Völkern" und dem Zitat Jesu aus Matthäus 25, 35 trugen wir uns ins Gästebuch der unscheinbaren Gedenkstätte ein: Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Elisabeth
Bär
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