Johanna Dreifuss
(Kurzbiographie)





In Eichstetten lebten drei zu einer Familie gehörende Mitglieder der aus Breisach stammenden Familie Dreifuss: Moritz und Babette Dreifuss mit Kindern in der Eisengasse, Abraham und Johanna Dreifuss geb. Alexander mit Kindern in der Hauptstraße, Max und Klara Dreifuss mit Kindern in der Nimburgerstraße.
Johanna Dreifuss
Foto aus der Eichstetter Chronik, Band 2; S. 145
Max und Klara Dreifuss hatten 2 Kinder, den 1901 geborenen Sohn Max und die 1902 geborene Tochter Johanna. Über diese beiden Kinder schreibt das fast gleichaltrige ehemalige Nachbarskind Liselotte Krische: „Zu früher Stunde erschien dann auch Johanna, das etwas ältere Nachbarskind der jüdischen Familie Dreifuss. Johanna hatte einen sehr intelligenten Bruder Max, der vor Hitler nach New York entkommen konnte. Aber sie selbst war geistig zurückgeblieben. Johanna stand frühmorgens bei uns an der Tür und wich und wankte nicht, obwohl mein kleiner (gehässiger) Bruder Heinz Hugo ihr einmal mit einem Rechen auf den Kopf schlug. Dann verschwand sie heulend, aber nur für kurze Zeit. Schon war sie wieder da. Sie bekam für solche Missetaten meines Bruders dann immer eines von meinen Spielsachen geschenkt, was mir zurecht missfiel. Lange Zeit trauerte ich daher einem kleinen Puppenklavier nach, das ich sehr liebte.“

Was die späteren schrecklichen Jahre des dritten Reichs betrifft, so traf Johanna ein doppeltes Stigma, Jüdin sein und behindert sein. 1931 starb die Mutter Klara Dreifuss. Ob der Sohn Max noch vor oder erst nach dem Tod der Mutter in die USA auswanderte, ist mir nicht bekannt. Er wuchs jedenfalls in Eichstetten mit Cousins und Cousinen auf, mit Jugendlichen seiner Generation also z. B. mit den Kindern der Familie Hofeler. In den USA gab er sich den Vornamen Marcell und wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann. Man kann davon ausgehen, dass Marcell seinem verwitweten Vater die Auswanderung nahe legte, als der Lebensspielraum für jüdische Menschen immer mehr eingeengt wurde. Das Problem war aber die behinderte Johanna. Für sie gab es keine Genehmigung zur Auswanderung. So blieb der Vater in Eichstetten, betrieb weiter seinen Viehhandel, bis er 1938 zwangsweise sein Gewerbe aufgeben musste.

Die Deportation der männlichen jüdischen Mitbürger nach Dachau nach der Zerstörung der Synagoge am 10.10.1938 machte jedem klar, dass ein Ausharren in Deutschland lebensgefährlich sein konnte. Der Bruder Abraham Dreifuss hatte die Tortur in Dachau nicht überlebt. Nur mit dem Affidavid, der Bürgschaftserklärung zur Übernahme sämtlicher Kosten für den Lebensunterhalt eines Einwanderungswilligen durch einen US-Bürger, in diesem Fall von Marcell, konnte man zu einem so späten Zeitpunkt noch mit einer Bewilligung rechnen. Man mag sich die schwierige Situation nicht vorstellen: die eigene, relativ hilflose Tochter alleine in Deutschland zurücklassen oder bleiben im Bewusstsein dessen, dass man der Tochter womöglich auch dann nicht wird helfen können.

Im Januar 1939 brachte Max Dreifuss seine Tochter in einem Heim in Karlsruhe unter. Im Februar 1939 flüchtete er zu seinem Sohn in die USA. Johanna Dreifuss wechselte später noch in das israelitische Dauerwohnheim Berlin-Weissensee, in dem auch behinderte Menschen Aufnahme fanden.

Danach verliert sich ihre Spur. Marcell und Max Dreifuss konnten auch nach dem Krieg das Schicksal von Johanna nicht klären. So wurde Johanna Dreifuss mit Datum 8.5.1945 für tot erklärt. Auch diesjährige Forschungen haben keine Klarheit gebracht. Vielleicht über seine nach Uruguay geflüchteten Verwandten erfuhr Marcell Dreifuss vom Schicksal der jungen Familie Biedermann. Er adoptierte die gerettete, 1945 7jährige Marianne Biedermann. So kehrt die kleine Tochter zu einer Eichstetter Familie zurück. Leider lebt Marianne Biedermann/Dreifuss nicht mehr. Sie starb im Erwachsenenalter, aber dennoch bereits recht früh.


Ursula Kügele, Stand August 2009

Stolpersteinverlegung für Johanna Dreifuss
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