Emil Weil
(Kurzbiographie)







Emil Weil
Emil Weil
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Zum ersten Mal ist es am 14. Juli 2011 in Eichstetten gelungen, dass Gunter Demnig einen Stolperstein in Anwesenheit von direkten Angehörigen der Opfer verlegen konnte. Manfred Weil, begleitet von seiner Ehefrau Alisa und beider Tochter Schulamit nahm den Stein zum Gedenken an seinen Vater Emil Weil in Empfang, ein bewegender Moment (Bericht).

Die Wege von Vater und Sohn hatten sich vor 70 Jahren im Lager Gurs getrennt. Vor dem Haus Hauptstr. 54 liegen bereits 3 Stolpersteine für Ernestine Weil, genannt „Esterle“, die Mutter von Emil Weil, für Auguste Weil/Bloch, die Schwester von Emil Weil und für den Schwager Siegfried Bloch.

Hatten wir Emil Weil vergessen? Nein, wir wussten einfach nichts von seiner Existenz. Emil Weil ist in keinem amtlichen Eichstetter Register verzeichnet. Erst als Manfred Weils Sohn René aus Amerika seinem Vater berichtete, dass in Eichstetten Stolpersteine für Großmutter und Tante, aber nicht für den Vater Emil Weil verlegt seien, erfuhren wir von Alisa Weil in anschließenden Telefonaten, dass Emil Weil in Breisach geboren wurde. Damit war ein Ansatz für weitere Forschung gegeben.

Die Großmutter „Esterle“ Weil, - bei der Verlegung ihres Gedenksteins wussten wir nur wenig Gesichertes über ihr Leben, - stammte aus einer seit 1790 in Eichstetten ansässigen Familie. 1882 heiratete sie mit 23 Jahren in Breisach den 4 Jahre älteren Handelsmann Isak Weil und zog in dessen Elternhaus. Die Heirat ist also in Eichstetten nicht dokumentiert. 1883 kam in Breisach der erste Sohn Emil zur Welt, in Breisach gemeldet, aber natürlich nicht in Eichstetten. 1884 erwartete Esterle das zweite Kind. Alles sieht nach geordneten Verhältnissen aus. Aber wirtschaftlich liefen die Geschäfte des Ehemanns wenig erfolgreich. Wegen bevorstehenden Konkurses flüchtete er in die USA und ließ sich in Buffalo, in der Nähe des Erie-Sees, nieder. Esterle brachte in Breisach die Tochter Auguste zur Welt und zog nach dem Wegzug des Ehemanns mit den zwei kleinen Kindern nach Eichstetten zu ihren Eltern. So wohnte Emil zwar in Eichstetten, aber nur wenige Monate, denn bereits 1885 folgte Esterle ihrem Ehemann in die USA.

Nahm sie ihre kleinen Kinder mit? Ich persönlich nehme an, dass sie definitiv bei ihrem Ehemann in Buffalo zu bleiben gedachte, die Kinder also mitnahm. Dort wurde zwei Jahre später, im November 1887 der zweite Sohn Jakob geboren. Innerhalb der anschließenden zwei Jahre, spätestens 1890, muss der Ehemann Isak Weil in Amerika gestorben sein. Dies erklärt auch, wieso es weder in Eichstetten noch in Breisach eine Sterbeurkunde für Isak Weil und in beiden Gemeinden auch kein Grab für ihn auf dem Friedhof gibt.

Ernestine, die junge Witwe, war jedenfalls 1890 schon wieder nach Eichstetten zurückgekehrt. Hier hat ihr Vater vor dem Standesamt die traurige Mitteilung machen müssen, dass „Jakob, 2 Jahre alt, geboren in Buffalo, Sohn des verstorbenen Isak Weil, am 30. Okt. 1890, 5 Uhr früh verstorben sei“.

Was geschah mit den Kindern Emil und Auguste? Für mich scheint es schlüssig, dass Esterle die Kinder Auguste und den kleinen Jakob von den USA nach Eichstetten zurückbrachte und Emil, damals ca. 6 Jahre alt und schulpflichtig, bei einem wohlhabenden Onkel zurückließ, der der Mutter eine gute Erziehung und Ausbildung für ihren Sohn versprach.

Hierzu schreibt Manfred Weil in seinem Buch: „Die Großmutter Ernestine, gerade Witwe geworden, traf diese Entscheidung vermutlich in dem Glauben, ihrem Sohn eine glänzende Zukunft in Amerika zu ermöglichen. Der Vater Emil jedoch beklagte sich später, seinen Söhnen gegenüber, bei allem Verständnis, das er seiner Mutter entgegenbrachte, bitter über die Jahre in Amerika. Es war das Gemüt des Onkels, diese beklemmende Mischung aus Geiz, Lieblosigkeit und Ignoranz, die seine Jugend dort überschattet hatte.“ Er litt also jahrelang unter den dortigen Verhältnissen und sehnte sich nach Fürsorge, Wärme und Liebe der Mutter und der Familie. Als junger Erwachsener verließ Emil rasch die amerikanische Familie.

Mit guten Sprachkenntnissen und Schulbildung ausgestattet, übte er eine Reihe unterschiedlicher Tätigkeiten aus und bereiste mehrere südamerikanische Länder. Er fuhr auch eine Zeitlang zur See. Allerdings erkrankte er in den Tropen an Malaria. Man riet ihm, zur Genesung nach Deutschland zurückzukehren, tropische Länder zu meiden und das Tropeninstitut in Hamburg aufzusuchen. Diesen Ratschlag befolgte er und wurde wieder gesund. Da er Deutscher war, wurde er mit Kriegsbeginn 1914 zum Kriegsdienst eingezogen. Er kehrte mit zwei Tapferkeitsmedaillen aus dem Krieg zurück. Diese soll er bis nach Auschwitz bei sich getragen haben.

Eher durch Zufall denn durch Absicht landete er nach dem Krieg in Köln, wo er seine zukünftige Frau Emma Bremen, eine Katholikin, kennenlernte und heiratete. Aus der Ehe stammen die beiden Söhne Manfred und Anatol, der vor einigen Jahren gestorben ist. Beiden Söhnen war er ein fürsorgender und liebevoller Vater, wohl eingedenk seiner eigenen freudlosen Jugend. Mitte der 20er Jahre bis Ende der 20er Jahre waren wohl die wenigen glücklichen Jahre, die er verbringen durfte in finanziell gesicherter Stellung und familiärer Zufriedenheit. In dieser Zeit besuchte er auch mit Familie zweimal Mutter und Schwester in Eichstetten.

Emil Weil war ein erfolgreicher Geschäftsmann, dem aber „Geldverdienen nicht wirklich etwas bedeutete und der keine Reichtümer anhäufte“ (Zitat Manfred Weil). So waren in der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre die Ersparnisse der Familie bald aufgebraucht und der Umzug in eine billigere Wohnung in einem Arbeiterviertel war nur der Anfang vom Abstieg. Auch häufte sich Antisemitisches, z. B. der teils umjubelte Palästinawagen beim Kölner Karnevalsumzug. Am 1.4.1933 erfolgte der Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte. Auch in der Firma, in der Emil Weil als Prokurist arbeitete, häuften sich Provokationen. Der Geschäftsführer erhielt Drohbriefe, dass sein Geschäft boykottiert werde, falls ein Jude weiterhin eine leitende Stelle bekleide. Auf seinem eigenen Schreibtisch fand er morgens den Stürmer, das Kampfblatt der Nazis.

Resignierend gab Emil Weil seine Stellung auf und versuchte als Mitteilhaber einer Glasschleiferei den Lebensunterhalt zu sichern. Es war für die Familie eine Katastrophe, als ein Erlass von Staats wegen die gemeinsame wirtschaftliche Betätigung mit Nichtariern verbot. Emil Weil musste auch den 2. Betrieb verlassen. Die Familie stand am Rande des Ruins.

Der Vater drängte die Söhne, sich der zionistischen Jugendorganisation anzuschließen und einen praktischen Beruf zu wählen, der in Palästina gefragt wäre. Manfred und Anatol wurden beide Tischler.

Irgendwann trennten sich die Eltern, wohl in der Annahme, dass die Familie dann von Anfeindungen verschont bleiben würde. Für Emil Weil stand fest, nicht in Deutschland bleiben zu können. Mitte 1937 floh er über das Hohe Fenn in der Eifel nach Belgien, nach Antwerpen.

Der Sohn Manfred versuchte im Frühjahr 1938 den illegalen Übertritt nach Holland, der aber zweimal misslang. Erst zusammen mit Anatol gelang den Brüdern die Flucht nach Luxemburg. Beim Durchschwimmen des Grenzflusses wären sie beinahe ertrunken. In Antwerpen trafen sie ihren Vater wieder. Dieser bestritt mit Englischunterricht seinen Lebensunterhalt. Manfred wurde als Student an der Königl. Akademie der Schönen Künste aufgenommen. Es war ein schönes und wegweisendes Jahr für Manfred, der bis heute Kunstmaler ist. Der Bruder Anatol, noch nicht 18 Jahre alt, wurde in das Jugendarbeitslager Eksaarde eingewiesen.

Im Frühjahr 1940 kamen Gerüchte über einen möglichen dt. Überfall auf Belgien auf. Weils glaubten nicht, dass die Deutschen dies ein zweites Mal riskieren würden. Aber sie taten es. Für die Belgier, die den Immigranten gegenüber bisher großzügig und offen waren, waren die Geflüchteten nun plötzlich Deutsche, denen man nicht trauen konnte. Sie mussten sich bei den Behörden melden. Zusammen mit weiteren Deutschen, Österreichern und Tschechen wurden sie nach Frankreich abgeschoben. Anatol, der jüngere Bruder, blieb im Jugendarbeitslager in Belgien. Jenseits der belgisch-französischen Grenze wurden die zu Internierenden in Viehwaggons verladen und in tagelanger Fahrt ohne Essen und Trinken schließlich am Mittelmeer im ehemaligen Lager St. Cyprien ausgeladen. – Der Ort ist übrigens nicht weit von Eichstettens Partnergemeinde St. André entfernt. –

Es fehlte an allem, Typhus brach aus, der Tod war ständiger Begleiter. Nach der Niederlage Frankreichs und einem administrativen Vakuum konnten diejenigen, die in ihre Heimatländer zurückkehren wollten, das Lager verlassen. Für Juden kam das freilich nicht in Frage.

Im Oktober 1940 suchte ein tagelanges fürchterliches Unwetter die ganze Region des westlichen Mittelmeers und der östlichen Pyrenäen heim. Das Lager wurde größtenteils verwüstet, viele Häftlinge ertranken. Die verbliebenen 3600 Internierten wurden auf andere Lager verteilt. Emil und Manfred Weil kamen in das Lager Gurs.

Etwa zur gleichen Zeit brachten weitere Transporte 6500 badische und Rheinpfälzer Juden nach Gurs. Unter ihnen befand sich auch Emils Schwester Auguste aus Eichstetten. Die Mutter „Esterle“ war zuvor noch von Eichstetten aus in ein Altersheim nach Unna in Westfalen verlegt worden und wurde von dort 1942 nach Theresienstadt deportiert.

Über die Verhältnisse in Gurs muss ich nichts sagen, denn im Herbst 2010 hat Dr. Schwendemann hier in Eichstetten einen eindrucksvollen, diesbezüglichen Vortrag gehalten.

Emil Weil und seine Schwester Auguste sahen sich nach 17 Jahren in Gurs wieder. Auguste war verzweifelt und entmutigt. Sie konnte ihre Ausreise in die USA zu ihrem Sohn Isidor nicht mehr realisieren. Emil war desillusioniert und krank. Manfred indessen plante die Flucht aus Gurs. Der Vater riet ihm dazu, gab ihm von der eigenen schmalen Brotration ab, damit er bei Kräften bliebe; er selbst hatte keine Kraft mehr dazu. Die Flucht war ein Abschied für immer.

Die Schwester Auguste wurde im August 1942 mit dem ersten Transport von Gurs aus in das französische Lager Drancy bei Paris gebracht, von wo sie mit dem 17. Transport am 10.8.1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Seltsam, aber an diesem Deportationstag starb ihre Mutter Ernestine in Theresienstadt an Entkräftung.

Emil Weil wurde in einem späteren Transport nach Auschwitz deportiert. Als Todesdatum wird der 2. Sept. 1942 angegeben. Es wäre ihm sicher ein Trost gewesen, wenn er noch erfahren hätte, dass seine beiden Söhne die Kriegs- und Nazizeit überlebt haben.

Der nun eingelassene Gedenkstein bringt die Erinnerung an Emil Weil an den Ort zurück, den er als seine Heimat, weil diejenige seiner Mutter und seiner Vorfahren, betrachtete, auch wenn er nie längere Zeit in Eichstetten weilte. Für uns ist er über das Gedenken hinaus Mahnung bei der Auseinandersetzung mit der Ortsgeschichte. Für Manfred Weil und seine Angehörigen ist er endlich ein Ort der stillen Zwiesprache mit dem Vater, ähnlich einem Grab. An dieser Stelle spricht nach jüdischem Ritus der Sohn das Totengebet. Nach 69 Jahren war das für Manfred Weil nun möglich.


Ursula Kügele, Juli 2011

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