Ernestine (Esterle) Weil
(Kurzbiographie)







Ernestine (Esterle) Weil
Ernestine Weil

Foto aus der Eichstetter Chronik, Band 2; S. 144
Ernestine Weil, genannt “Esterle” war eine vielen Eichstettern bekannte Person. Klein und zierlich, stand sie Tag für Tag in ihrem Lebensmittelgeschäft in der unteren Hauptstraße 18. Sie war auch den Kindern wohlbekannt, weil man bei ihr Bonbons en detail, also stückweise kaufen konnte. Das Häuschen, in dem sich das Geschäft befand, wurde vor ca. 2 Jahren abgerissen, eine weiße Grenzmauer zur Hauptstrasse hin kennzeichnet noch den ehemaligen Standort.

Obwohl im Ort bekannt, ist der Lebensweg von Ernestine Weil unklar. Mehrere Angaben in der Liste der Judengemeinde Eichstetten, die sie betreffen, sind mit Sicherheit falsch. Was ist gesichert? Die Eltern Maier Jakob Weil und Ehefrau Judith geb. Wertheimer sind auf dem hiesigen jüdischen Friedhof beerdigt. Ernestine wurde am 28.2.1859 in Eichstetten geboren und war das zweite von 12 Kindern dieses Ehepaars. Von Ernestines 11 Geschwistern erreichten 8 das Erwachsenenalter, vier davon blieben in Eichstetten und verheirateten sich hier. Ernestine heiratete ebenfalls, das Datum ist nicht bekannt. Der in den Annalen mit präzisem Geburtsdatum angegebene Isaak Weil ist aber definitiv nicht ihr Ehemann gewesen und auch nicht der Vater ihrer Kinder. 1884 wurde die Tochter Auguste geboren, die später Siegfried Bloch heiratete und in der Hauptstraße 54 einen kleinen Kurzwarenladen betrieb. 1887 wurde der Sohn Jakob geboren. Dieser Sohn starb im Alter von 3 Jahren und wurde auf dem Eichstetter jüdischen Friedhof beerdigt.

Damit beginnen die Rätsel, denn auf dem Grabstein steht, dass der kleine Junge in Buffalo in Nordamerika geboren wurde. Die Stadt liegt am Ostrand des Erie-Sees und gehört zum Bundesstaat New York. 1880 war Ernestine Weil 21 Jahre alt und damit volljährig. War sie mit dem uns unbekannten Ehemann in die USA ausgewandert, wozu sich etliche Eichstetter zu dieser Zeit entschlossen? Oder war sie mit einer Gruppe ausgewandert und lernte erst in den USA ihren Ehemann kennen? Oder hatte man sie in die USA geschickt, wo der Ehemann schon vermittelt war, um die Mitgift zu sparen, was in kinderreichen Familien durchaus vorkam? Was den Namen des Ehemanns „Isaak Weil“ anbetrifft, so war gerade diese Kombination von Vor- und Zunahme zu der damaligen Zeit häufig anzutreffen. Ist der Ehemann in den USA bereits nach wenigen Jahren gestorben und Ernestine kehrte mit ihren zwei Kindern nach Europa zurück? Jedenfalls war sie im Oktober 1890 wieder in Eichstetten, als ihr Söhnchen starb. Die Klärung der obigen Fragen wird wohl nicht mehr möglich sein.

In Eichstetten erinnert man sich an die zierliche Frau in ihrem kleinen Lebensmittelgeschäft. Vielleicht weil Ernestine Weil alleinstehend und ihr Handel eher unbedeutend war, durfte sie ihren Laden bis Ende 1938 betreiben. Es war das letzte jüdische Geschäft, das zwangsweise geschlossen wurde. Ab Ende 1938, eventuell auch schon früher, wohnte Ernestine Weil bei ihrer Tochter Auguste Bloch in der Hauptstraße 54. Nach der Zerstörung der Synagoge am 10.11.1938 war der Schwiegersohn Siegfried Bloch zusammen mit fast allen jüdischen Männern von Eichstetten in das KZ Dachau transportiert worden, wo er ermordet wurde.

Die wirtschaftliche und soziale Not für die jüdische Bevölkerung war entsetzlich. Im Januar 1940 zog die inzwischen 81jährige Ernestine Weil in das israelitische Altersheim in Unna/Westfalen. Im Februar 1940 zog die Tochter Auguste nach Freiburg, vielleicht in der Hoffnung, die Ausreise in die USA zu ihrem Sohn Isidor doch noch in die Tat umsetzen zu können. Sie wurde aber im Oktober 1940 nach Gurs deportiert und 1942 letztlich in Auschwitz ermordet. Es ist nicht bekannt, wieso Ernestine Weil nicht in das vom Eichstetter H. Epstein mitbegründete israelitische Altersheim in Gailingen am Bodensee zog, wo viele alte Eichstetter die letzten Lebensjahre verbrachten. Die Korrespondenz mit dem Archivar in Unna erbrachte keine Hinweise auf irgendeine Verbindung zu Unna. Von dort wurde Ernestine Weil 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie, 83 Jahre alt, umkam.


Ursula Kügele, Stand August 2009

Stolpersteinverlegung für Ernstine Weil | Fotos Familie Bloch-Weil mit Ernestine Weil
Stolpersteine in Eichstetten | zurück